EIN NACHRUF AUF 1000 MAL TANGO IM DYNAMO — AUS DER SICHT VON KARIN

Angefangen hat alles Anfangs Neunziger in der besetzten Kulturfabrik Wohlgroth in der ich zu dieser Zeit lebte. Rolf, mein Vater hatte mich eines Tages angesprochen ob wir nicht einen Tangokurs in der Wohlgroth machen sollen. „Spinnst Du Papi, wir machen hier Pogo, keinen Tango…“. Die Idee hatte aber dennoch die Runde gemacht und eines Tages sprachen mich ein paar Leute an, dass sie das jetzt doch gerne ausprobieren möchten (es sei ihnen zwar egal ob es Walzer oder Tango sei, Hauptsache eine Abwechslung zum Punk). Also wurden die Docs gegen Stilettos getauscht und die Kaputzenpullis gegen zerknautschte Anzüge aus dem hausinternen Brocki, eine super Sache!
Bald hatte sich der Kurs so etabliert, dass er viele Leute von aussen anzog. Es gab zusätzlich zum Kurs eine Milonga in einem Kellerraum in den man nur kletternderweise durchs Fenster gelangte, was zum Teil ein ziemliches Unterfangen war, da wir öfters übertrieben aufgebrezelt mit Stögis, geschlitzten Kleidern und Federboas aufkreuzten. Die Musik war uns weitgehend egal, so hatten wir lange Zeit nur eine einzige Kassette, DIE Kassette!!! die wir nonstop drehten; Nada von Di Sarli war drauf, El Flete von D’Arienzo, Yuyo Verde von Pugliese und sicher ganz viel Piazzolla.
Im November '93 wurde das Areal von einem Grossaufgebot der Zürcher Polizei geräumt, es gab Feuer und Barrikaden auf den Strassen, die Polizei-Helikopter kreisten über dem Gelände, wir tanzten Tango in den Kellergewölben, viele weinten. Auch Eduardo Arquimbau war an diesem Abend da, ein echter argentinischer Maestro, das fand ich sehr cool! Er übrigens auch.
Manu Piasente mit dem ich damals tanzte, hatte sich nach der Räumung mit dem Tangokurs auf Wanderschaft gemacht, erst zum Kunsthaus Oerlikon an der Konradstrasse, dann weiter ins Dynamo.
Der Wechsel ins Dynamo empörte mich, war das Dynamo für mich doch ein Paradebeispiel für einen einst autonomen, jetzt staatlich zurechtgestutzten Ort, an dem Sozialarbeiter zu kreativen Aktivitäten ermuntern. Deshalb tauchte ich für eine Weile ab.
Irgendwann konnte ich es jedoch nicht mehr lassen und habe meine Nase ins Dynamo reingesteckt. Es war sehr spannend! Der Raum war brechend voll, es gab viele neue gute Tänzer, die ich noch nie gesehen hatte, eine komplett neue Generation. Luca Valeri war einer dieser Tänzer. Er verkörperte für mich ein völlig neues Bild von einem Tangotänzer, mit Trainerjäckchen statt Anzug und völlig losgelöst von Konvetionen und Vorschriften was man im Tango darf und was nicht. Es schien, als würde er endlos neue Ideen aus sich selber schöpfen. Er war sehr faszinierend und überhaupt nicht nett zu mir… Aber ich wollte dabei sein und habe deshalb im Dynamo angefangen das Führen zu lernen.
Manu hatte am Anfang alleine oder mit wechselnden Partnerinnen unterrichtet, dann ist Nina Scheu dazugekommen. Die beiden haben den Kurs viele Jahre geleitet und damit die Zürcher Tangoszene sehr geprägt. Viele Wege haben sich im Dynamo gekreuzt, wie zum Beispiel die von Carol und Alexander… und alle sind Karel begegnet weil er tausend Mal da war! Das Dynamo war Plattform für die versuchte Tango–Lindy Hop Fusion Ende Neunziger und Herberge für die legendären Zürcher Tangowochen, in denen viele interessante Kurse und schöne Veranstaltungen stattfanden und die Leute zwischen den Kursen ganz hochsommerlich gelaunt in die Limmat hüpften während derweil jemand ihre Tanzschuhe klaute…
Manu und Nina haben sich zu dieser Zeit mehr und mehr aus dem Tango zurückgezogen und schliesslich den Dynamo-Kurs an Luca abgetreten, der zuerst mit Pamela Pabst und dann einige Jahre alleine unterrichtet hat, bis ich ungefähr '08 eingestiegen und somit am Anfang und am Schluss der Geschichte dabeigewesen bin.